Was wünschen Sie sich von der Politik, Herr Nettekoven?

Interview mit der Stiftung Deutsche Krebshilfe

Die Stiftung Deutsche Krebshilfe zählt zu den gemeinnützigen Organisationen und setzt sich aktiv für die Prävention und Bekämpfung von Krebs ein. Anlässlich des Weltkrebstages habe ich mich an die Deutsche Krebshilfe gewandt und gefragt: Was wünschen Sie sich eigentlich von der Politik? Dabei hat sich ein spannendes Interview mit dem Vorstandvorsitzenden Gerd Nettekoven entwickelt.


Marco Schmitz: Wie wichtig ist der jährliche Weltkrebstag am 4. Februar?

 

Gerd Nettekoven: Der Weltkrebstag ist eine besonders gute Gelegenheit, auf das Thema Krebs zu sensibilisieren, aber auch um notwendige Veränderungen durch die Gesundheits- und Forschungspolitik zu adressieren. Er hat zum Ziel, die Prävention, Früherkennung, Erforschung und Behandlung von Krebserkrankungen ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Die Zahlen machen deutlich, wie wichtig diese Initiative ist – Krebs ist ein zentrales Gesundheitsthema: Rund 510.000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich neu an einem Tumor. Mehr als vier Millionen Menschen leben in unserem Land mit einer Krebserkrankung.
 

 

Schmitz: Inwiefern haben sich die Therapiemöglichkeiten in den letzten Jahren verbessert?

 

Nettekoven: Die stetigen Fortschritte in der Krebsforschung und -medizin tragen dazu bei, Krebserkrankungen immer besser zu verstehen und zu behandeln. Dank der Anstrengungen der Krebsexperten weltweit konnten in den letzten Jahren viele Erkenntnisse und innovative Strategien aus der Grundlagenforschung in die klinische Praxis überführt werden. Diagnostische und therapeutische Verfahren wurden präzisiert und so die Heilungschancen vieler Krebspatienten erheblich verbessert. 

 
 

Schmitz: Was bedeutet das konkret?

 

Nettekoven: Während bei Gründung der Deutschen Krebshilfe 1974, also vor fast fünfzig Jahren, die Diagnose Krebs oft noch einem Todesurteil gleichkam, ist heute etwa die Hälfte aller Fälle heilbar. Noch besser sieht es bei Krebserkrankungen im Kindes- und Jugendalter aus: Hier werden heute vier von fünf der jungen Patienten bereits erfolgreich behandelt.

 

 

„Um die Krebsmedizin voranzubringen, braucht es aber nicht nur einen langen Atem, sondern auch einen gesicherten finanziellen Rückhalt.“

 
 
 

Nettekoven: Dennoch steht die Krebsmedizin immer noch vor erheblichen Herausforderungen: Viele Details der komplexen Vorgänge, die sich in und um einen Tumor abspielen, sind noch unbekannt und einige Krebsarten, wie Bauchspeicheldrüsenkrebs und Gehirntumore, sind nach wie vor schwer zu behandeln. 

 
 

Schmitz: Wie hat sich Ihre Arbeit durch die Corona-Pandemie verändert?

 

Nettekoven: Erheblich verändert haben sich zwangsläufig unsere Arbeitsabläufe. Sämtliche Sitzungen unserer Gremien, insbesondere unserer Fachausschüsse mit rund 120 Experten aus Medizin, Forschung und sonstigen Bereichen der Onkologie – die alle ehrenamtlich für uns tätig sind – haben seit fast 10 Monaten nur noch in virtueller Form stattfinden können. Auf Dauer erscheint mir dies aber nicht sinnvoll. Nicht in diesem Ausmaß, da es wichtig ist, Themen der Krebsbekämpfung auch in Präsenzmeetings zu diskutieren.

 
 

Schmitz: Die Deutsche Krebshilfe bestreitet ihre Aktivitäten weitestgehende aus Spenden der Bevölkerung. Ist diese Quelle durch die Pandemie weggebrochen?

 

Nettekoven: Zumindest für das abgelaufene Jahr kann ich erfreulicherweise festhalten, dass unsere Spender uns wie gewohnt unterstützt haben. Dafür und auch für das ungebrochene Vertrauen in unsere Arbeit sind wir sehr dankbar. Wir können somit unsere wichtigen Aufgaben im Sinne krebskranker Menschen weiterhin erfüllen. 

 

Um die Krebsmedizin weiter voranzubringen, braucht es aber nicht nur einen langen Atem, wissenschaftliche Expertise und Forschergeist, sondern auch einen gesicherten finanziellen Rückhalt über viele Jahre hinweg. Die von der öffentlichen Hand bereitgestellten Mittel reichen dazu oft nicht aus. Die Deutsche Krebshilfe schließt einen großen Teil dieser Lücke: Sie ist der bedeutendste private Drittmittelgeber für die onkologische Forschung in Deutschland.

 
 

Schmitz: Was wünschen Sie sich von der Politik?

 

Nettekoven: Zunächst einmal ist es mir in der momentanen Situation ein dringendes Anliegen, dass wir – und damit ist auch die Politik gemeint – die vielen Krebspatienten in unserem Land auch in herausfordernden Zeiten wie der COVID-19-Pandemie nicht aus den Augen lassen.

 

Mein Wunsch ist es, dass die Krebsprävention in unserem Land einen ganz hohen Stellenwert erhält, da hier ein immenses Potenzial verborgen liegt. Neben einer verstärkten Informations- und Aufklärungsarbeit gilt das vor allem auch für die zwingend notwendige Präventionsforschung, die nicht nur in unserem Land, sondern weltweit unterrepräsentiert ist. Die ersten Weichen dafür haben wir gestellt. Der gemeinsam mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg vorgesehene Aufbau eines Nationalen Krebspräventionszentrums soll vor allem die Krebspräventionsforschung voranbringen. 
 

 
 

„Wir - und damit ist auch die Politik gemeint - dürfen die vielen Krebspatienten in herausfordernden Zeiten wie der COVID-19-Pandemie nicht aus den Augen lassen.“

 
 

Nettekoven: Die mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum im Jahr 2019 eingegangene strategische Partnerschaft wollen wir zudem nutzen, um die Krebsprävention auch auf politischer Ebene zu einem starken Thema zu machen. Für das wichtige Feld der Krebsprävention brauchen wir für deren Umsetzung einen starken politischen Willen mit resoluten Entscheidungen pro Gesundheitsschutz.

 
 

Schmitz: Was noch?

 

Nettekoven: Wir wissen heute, wie individuell und komplex Krebserkrankungen sind. Umso wichtiger ist es, die künftigen Herausforderungen in der Krebsbekämpfung im engsten Zusammenwirken von Wissenschaftlern, Ärzten, Pflegenden und der Politik anzugehen, um denjenigen zu helfen, die bei allen unseren Bemühungen im Mittelpunkt stehen: den Patienten. Nur so können wir die bestmögliche Versorgung für alle Betroffenen sicherstellen. 

 

Aktuelle politische Initiativen wie der Nationale Krebsplan des Bundesministeriums für Gesundheit sowie die Nationale Dekade gegen Krebs des Bundesministeriums für Bildung und Forschung sind wichtig, um den künftigen Herausforderungen zu begegnen und um den notwendigen permanenten Dialog mit allen Beteiligten zu führen.  

 
 

Schmitz: Was kann jeder Einzelne von uns für die Prävention von Krebs tun?

 

Nettekoven: Krebs lässt sich nie zu 100 Prozent vermeiden. Tumore entstehen auch durch zufällige Fehler bei der Zellteilung, die mit zunehmendem Alter immer häufiger auftreten. Dennoch kann jeder Einzelne für seine Gesundheit aktiv werden. Experten schätzen, dass rund 40 Prozent aller Krebserkrankungen durch eine gesunde Lebensweise vermeidbar wären. Dennoch können viele Menschen, die an Krebs erkrankt sind, nichts für ihre Erkrankung. Aber wir wissen heute, dass bestimmte Faktoren mit einem erhöhten Krebsrisiko assoziiert sind. Insbesondere handelt es sich dabei um Übergewicht, Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung, Alkoholkonsum, Rauchen und häufige Sonnenbrände durch zu viel UV-Strahlung.

 

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